den Pheilsniczer

Oft werde ich gefragt, welchen Beruf ich ausüben würde, falls man mich ins 14. oder 15. Jahrhundert zurückkatapultieren sollte. Diese Antwort fällt mir leicht zu beantworten: ich wäre gerne einer jener Handwerker die von den Landesfürsten als „[...] vnsere lieben getrewn die maister der Pogner, der Pheilsnitzer vnd der Kurbawner in vnser Stat zu Wienn [...]" bezeichnet wurden. 

Dabei würde ich aber viele Voraussetzungen für die Meisterschaft des Handwerks, die 1445 formuliert wurden, nicht erfüllen: zwar wäre ich ehrlich geboren und könnte aufzeigen, dass ich das Handwerk eines Pfeilschnitzers beherrsche, aber weder bin ich verheiratet (kann sich ja bald ändern?), noch habe ich die gerechtikait desselben hanntwerchs gewonnen, habe allen anderen Meistern, Meisterinnen und deren Gesellen ein Mahl ausgegeben, sechs Schillinge in die Zechkasse gelegt und ganz grundsätzlich fehlt bisher die Übergabe zweier Armbrüste an Landesfürst und Landmarschall. Man erkennt: da wäre noch viel zu tun!

Was ich aber schon vorab tun kann, ist mich euch vorzustellen. Hinter dem Projekt Pheilsniczer steht eine Person, die schon seit einiger Zeit Interesse an mittelalterlicher Geschichte und Handwerkskunst besitzt. Mein Name ist Andreas Moitzi. Ich wurde im Juni 1989 in der obersteirischen Stadt Judenburg geboren, der ich nach wie vor sehr verbunden bin. Nach Matura (Abitur) und Zivildienst verschlug es mich nach Graz, wo ich das Studium der Geschichte an der Karl-Franzens-Universität aufnahm. Zu dieser Zeit war ich äußerst umtriebig im Bereich des österreichischen "Reenactments". Ich kann nicht wirklich erklären, woher die Faszination für Pfeil und Bogen kam, zumal ich selbst nur sehr selten das Bogenschießen ausübe, aber alles entwickelte sich in Richtung des Pfeilschnitzer Handwerks. Da lag es auf der Hand, dass ich mich im Rahmen meiner Masterarbeit mit den mittelalterlichen Bognern und Pfeilschnitzern in "Österreich" befasste. Als ich die Arbeit einreichte, hatte ich das Reenactment Projekt bereits auf Eis gelegt. In den Jahren davor hatte sich nämlich viel verändert und sehr Prägsames ereignet. Abgesehen von neuen Hobbies und Interessen, den damit verbundenen Motivationsschwierigkeiten für das Handwerk, der Abkehr von der österreichischen "Mittelalterszene", war es insbesondere der tragische Verlust meines Handwerkskollegen und Freundes Lorenz S., der in mir immer mehr eine Distanz zum Handwerk entstehen ließ. Trotz der akademischen Auseinandersetzung mit dem Handwerk, musste erst Zeit vergehen, bis diese Distanz wieder abgebaut werden konnte. Lorenz war stets begeistert und hatte ein richtiges Leuchten im Auge, wenn wir uns über das Projekt Pheilsniczer unterhielten - dieses Leuchten und diese Begeisterung will ich aufrecht erhalten und ihn mir so in Erinnerung behalten. 

Es sollte bis 2020 dauern, als endlich die Entscheidung gefällt wurde, das Projekt neu, ordentlicher und vor allem mit noch höherem Anspruch wieder aufleben zu lassen. Ausschlaggebend war dafür erneut eine akademische Arbeit: es hatte mich mittlerweile nach Wien verschlagen, wo ich an der Universität Wien eine Anstellung als Universitätsassistent erhielt, in dessen Rahmen ich meine Doktorabeit zum städtischen Militärwesen der Stadt Wien im Spätmittelalter begann. Im Zuge dieser Studie, war es notwendig sich mit dem städtischen Waffenhandwerk zu beschäftigen, zu dem natürlich auch die Bogner und Pfeilschnitzer gehörten. Die praktische Ausführung des Handwerks ist ein willkommene Abwechslung zum Lesen & Tippen am Computer und zeigte mir wieder auf, wie sehr ich es liebe handwerklich tätig zu sein. 

Mein Anspruch ist es, Pfeile so genau und so gut es mir möglich ist, anhand historischer Originale zu rekonstruieren. Aufgrund meiner akademischen Ausbildung fällt es mir recht leicht die passende Literatur zu beschaffen, zudem bin ich überglücklich behaupten zu dürfen, gut im handwerklichen Bereich vernetzt zu sein. Man mag es nicht glauben, aber es gibt zahlreiche Kolleg*innen, die dasselbe wie ich anstreben - nur für andere historische Objekte. Dadurch ergeben sich ein wunderbarer Austausch und zahlreiche Synergien zwischen modernen Meister*innen historischer Handwerke. 

An dieser Stelle möchte ich ganz besonders drei Personen, respektive Verbände anführen, mit denen ich in besonders engem Kontakt stehe: das ist einerseits Hector Cole, einer der führenden Schmiede für Pfeil- und Bolzenspitzen, dann Andreas Bichler von Historia Vivens 1300, dem Experten zur Armbrust und schließlich die Leute der IG 14. Jahrhundert